Das eindrucksvolle Gebäude des Waisenhauses in der Berliner Straße 120–121 wurde 1912/13 vom Architekten Alexander Beer im neobarocken Stil errichtet. Mit seinem markanten Mansardwalmdach, dem mächtigen Segmentbogengiebel über dem Mittelrisalit und der reich gegliederten Fassade war es ein sichtbares Zeichen jüdischen Gemeindelebens in Pankow. Es diente der Jüdischen Gemeinde Berlins als zweites Waisenhaus, das Platz für bis zu 100 Kinder bot und gleichzeitig eine schulische und berufspraktische Ausbildung sicherte. Der prachtvolle Betsaal mit einer kassettenartigen Decke, gestiftet von dem Zigarettenfabrikanten Josef Garbáty-Rosenthal, warein zentrales Element des Hauses und Ausdruck einer lebendigen religiösen Kultur.

Von 1912/13 bis 1940 wurde das Gebäude als Internat betrieben, das insbesondere jüdische Kinder aus Osteuropa aufnahm. 1936 kam zusätzlich eine jüdische Volksschule hinzu. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann ein schrittweiser Niedergang dieser sozialen Einrichtung. Die Erlebnisse der 18 Zöglinge, die bei der „Reunion“ [Wiedereröffnung 2001] eindrucksvoll mitgewirkt haben, vermitteln von der damaligen Lebensrealität wichtige Zeugnisse, die erst heute von jungen, lernenden Menschen einer Aufarbeitung harren. 1940 wurde das Waisenhaus geschlossen. In der Folgezeit wurde das Gebäude für Zwecke des nationalsozialistischen Staates instrumentalisiert. Es diente ab 1943 als Zentrale Sichtvermerkstelle des Reichssicherheitshauptamtes [RSHA], was es direkt in den Apparat der Verfolgung und Deportation von Jüdinnen und Juden einband. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm zunächst das Bezirksamt die Nutzung. Später, in der Zeit der DDR, zog der Sportausschuss ein. Ab 1952 war das Haus Sitz der polnischen Botschaft und ab den späten 1960er Jahren diente es der kubanischen Botschaft bis zur deutschen Wiedervereinigung. Diese wechselnden diplomatischen Nutzungen prägten das Gebäude bis 1991.
Nach dem Abzug der Botschaften stand das Haus nahezu ein Jahrzehnt leer. Es verfiel zusehends. 1999 erwarb die weltanschaulich unabhängige Dr. Walter und Margarete Cajewitz-Stiftung die Ruine des ehemaligen Waisenhauses. Mit der Übernahme begann ein behutsamer Prozess der Restaurierung und einer neuen, vielfältigen Nutzung, die dem historischen Ort gerecht wird. Heute ist das ehemalige Waisenhaus ein bedeutender Ort des Lernens, der Kultur und der Erinnerung. Seit 2001 beherbergt das Waisenhaus die Stadtbibliothek Pankow, die den Namen des polnisch-jüdischen Pädagogen und Kinderarztes Janusz Korczak trägt. Damit lebt hier ein pädagogischer Geist fort, der auf die ursprüngliche Nutzung als Waisenhaus verweist. Seit 2007 nutzt die SchuleEins Räume für Unterricht und Projekte. Bibliothek und Schule verbinden die Bildungsfunktion des Hauses auf zeitgemäße Weise mit seiner Geschichte.


Der restaurierte Betsaal wurde 2002 wiedereröffnet und ist seither ein Ort für Konzerte, Lesungen und die Veranstaltungsreihe „Pankower Waisenhausgespräche“, die seit 2007 regelmäßig stattfinden. Das Jüdische Waisenhaus in Pankow zeigt den Besuchern und Nutzenden, wohin Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen führen und wie notwendig es ist, daraus zu lernen.



Die Ausstellung erschließt sich in sieben Abschnitten/Kapiteln: von Biografien über Flucht, Verfolgung und Ermordung jüdischer Kinder bis zur Wiederbelebung des Hauses als Erinnerungsort.
Besuch & Bildungsangebot
Die Dauerausstellung im ehemaligen Jüdischen Waisenhaus ist während der Öffnungszeiten der Janusz-Korczak-Bibliothek frei zugänglich:
Mo, Di, Do, Fr: 9–19 Uhr · Mi: 13–19 Uhr
Sa & So: 10–19 Uhr
Berliner Straße 120, 13187 Berlin
Geführte Besuche mit Audio-Guide sind für Schulklassen (ab Klasse 11) und Erwachsenengruppen buchbar. Die interaktiven Führungen verbinden Biografien ehemaliger Zöglinge mit Fragen, die bis heute aktuell sind: Ausgrenzung, Zivilcourage, Verantwortung.
Buchung und Terminanfragen bitte über:
kontakt@cajewitz-stiftung.de
+49 (0)30 47 48 21 76
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